„Wer bei Sicherheit spart, verschiebt die Kosten nur nach hinten“
Interview mit Klaus Maskort über Baustellenkriminalität, Versicherungen und den Wert frühzeitiger Prävention
Diebstahl, Vandalismus, organisierte Tätergruppen und neue digitale Angriffsmethoden: Der BauWatch Crime Report 2026 zeigt, dass Baustellenkriminalität in Deutschland weiter an Bedeutung gewinnt. Besonders auffällig: Deutschland liegt bei mehreren Risikofaktoren über dem europäischen Durchschnitt. Gleichzeitig werden grundlegende Sicherheitsmaßnahmen auf vielen Baustellen seltener eingesetzt.
Wir haben mit unserem Geschäftsführer Klaus Maskort darüber gesprochen, warum Baustellensicherheit heute strategischer gedacht werden muss, welche Entwicklungen ihm besonders auffallen und was Bauunternehmen jetzt konkret verändern sollten.
Klaus, der neue BauWatch Crime Report zeigt: 67 Prozent der deutschen Befragten sagen, dass Baustellenkriminalität zugenommen hat. Was sagt diese Zahl über die aktuelle Lage aus?
Sie zeigt vor allem, dass Baustellenkriminalität für viele Unternehmen inzwischen zum Alltag gehört. Wir sprechen nicht mehr über einzelne Vorfälle, die irgendwo passieren, sondern über ein Risiko, das regelmäßig in Projektabläufe eingreift. Besonders relevant ist für mich der Vergleich zu den anderen Ländern, in denen die Studie durchgeführt wurde: Deutschland liegt mit diesen 67 Prozent deutlich über dem europäischen Durchschnitt. Das macht klar, dass wir hierzulande eine besonders angespannte Situation sehen.
Was hat sich im Vergleich zum Vorjahr aus deiner Sicht verändert?
Die Entwicklung ist breiter geworden. Es geht nicht nur darum, dass mehr gestohlen wird. Die Täter werden professioneller, die Methoden vielfältiger und die Folgen für Bauprojekte spürbarer. Gleichzeitig sehen wir, dass einige Unternehmen Sicherheitsmaßnahmen reduzieren. Genau diese Kombination macht die Lage so kritisch: Das Risiko steigt, aber der Schutz nimmt ab.
Deutschland weist laut Report europaweit besonders hohe Werte bei regelmäßigen Diebstählen auf. Warum trifft es deutsche Baustellen so stark?
Deutschland ist ein sehr aktiver Bau- und Infrastrukturmarkt. Es gibt viele Projekte, viele Materialbewegungen und hohe Werte auf den Baustellen. Für Täter ist das attraktiv, vor allem wenn Materialien leicht zugänglich sind oder außerhalb der Arbeitszeiten nicht ausreichend gesichert werden. Hinzu kommt: Baustellen verändern sich ständig. Neue Bauphasen, neue Lagerflächen, neue Zugänge – dadurch entstehen immer wieder neue Schwachstellen.
Welche Materialien stehen besonders im Fokus?
Ganz klar: Kupfer, Kabel, Kabeltrommeln und kleinere Werkzeuge. Das sind Materialien und Gegenstände, die auf vielen Baustellen vorhanden sind, einen hohen Wiederverkaufswert haben und sich vergleichsweise schnell abtransportieren lassen. Besonders problematisch ist das bei Energie-, Verkehrs- oder Telekommunikationsprojekten. Wenn dort Kabel oder Kupfer fehlen, entsteht nicht nur ein materieller Schaden. Oft geraten ganze Abläufe ins Stocken.
Der Report zeigt auch, dass organisierte Kriminalität in Deutschland eine größere Rolle spielt als im europäischen Durchschnitt. Was bedeutet das für die Praxis?
Das verändert die Anforderungen an Sicherheit erheblich. Organisierte Täter gehen anders vor als Gelegenheitstäter. Sie beobachten Baustellen, kennen Abläufe, nutzen günstige Zeitfenster und wissen oft sehr genau, welche Materialien sich lohnen. Darauf kann man nicht nur mit Einzelmaßnahmen reagieren. Es braucht ein Sicherheitskonzept, das Risiken systematisch bewertet und unterschiedliche Angriffsmuster berücksichtigt.

Gleichzeitig gehen klassische Sicherheitsmaßnahmen wie Zäune, Warnschilder oder Sicherheitspersonal laut Report teilweise zurück. Wie bewertest du das?
Das ist einer der Punkte, die mich am meisten beschäftigen. Denn hier entsteht eine gefährliche Lücke. Viele Unternehmen stehen unter Kostendruck, das ist nachvollziehbar. Aber wenn Sicherheit zu spät oder zu knapp eingeplant wird, werden die Folgekosten deutlich höher. Ein gestohlener Kabelsatz, ein beschädigter Bauabschnitt oder eine mehrwöchige Verzögerung können ein Projekt sehr viel stärker belasten als eine frühzeitig eingeplante Sicherheitslösung.
Ist Sicherheit also noch zu oft ein nachträglicher Kostenpunkt?
Ja, genau das sehen wir häufig. Sicherheit wird manchmal erst dann priorisiert, wenn bereits etwas passiert ist. Dann ist der Schaden aber schon entstanden. Aus meiner Sicht muss sich diese Denkweise ändern. Baustellensicherheit sollte Teil der Projektplanung sein – genauso wie Logistik, Materialbeschaffung oder Arbeitsschutz. Wer Risiken früh berücksichtigt, schützt nicht nur seine Baustelle, sondern auch den Zeitplan und das Budget.
Viele Bauunternehmen sind gegen Schäden versichert. Reicht das nicht aus, um das finanzielle Risiko abzufangen?
Eine Versicherung ist wichtig, aber sie löst das Problem nicht vollständig. Viele Unternehmen denken zunächst: Wenn etwas gestohlen oder beschädigt wird, übernimmt die Versicherung den Schaden. In der Praxis ist das aber nur ein Teil der Wahrheit. Erstens ersetzt eine Versicherung nicht automatisch die verlorene Zeit, den organisatorischen Aufwand oder mögliche Verzögerungen im Projekt. Zweitens kann eine hohe Schadenquote langfristig zu steigenden Beiträgen oder schwierigeren Versicherungsbedingungen führen. Die Kosten verschwinden also nicht, sie werden häufig nur verschoben.
Deshalb ist Prävention aus meiner Sicht der bessere Ansatz. Wer Sicherheitsmaßnahmen frühzeitig einplant, reduziert nicht nur das Risiko eines Vorfalls, sondern schützt auch seine Versicherbarkeit, seine Kostenstruktur und die Planbarkeit des Projekts. Sicherheit ist damit kein Gegensatz zur Versicherung, sondern eine wichtige Ergänzung.
Ein starkes Thema im Report ist die Digitalisierung der Kriminalität. Was kommt da auf Bauunternehmen zu?
Die Grenze zwischen physischer Sicherheit und digitaler Sicherheit wird immer kleiner. Täter nutzen Drohnen, digitale Zugangsdaten, Cyberangriffe oder KI-gestützte Betrugsversuche. Das bedeutet: Eine Baustelle kann heute nicht nur über den Zaun angegriffen werden, sondern auch über digitale Schnittstellen. Deshalb müssen Sicherheitslösungen technisch robust sein und hohe Anforderungen an Cyber-Resilienz erfüllen.
Was bedeutet Cyber-Resilienz bei Baustellensicherheit konkret?
Es bedeutet, dass Sicherheitslösungen nicht nur Kamerabilder liefern, sondern auch selbst geschützt sein müssen. Systeme müssen zuverlässig funktionieren, Daten sicher verarbeiten und gegen Manipulation abgesichert sein. Gerade wenn Überwachung, Alarmierung und Intervention digital miteinander verbunden sind, braucht es hohe technische Standards. Moderne Baustellensicherheit ist deshalb immer auch eine Frage von IT-Sicherheit.
Der Report zeigt, dass die Folgen von Baustellenkriminalität gravierender werden. Welche Auswirkungen siehst du bei Kunden besonders häufig?
Natürlich geht es zunächst um den direkten Schaden: gestohlene Materialien, beschädigte Geräte oder zerstörte Zugänge. Aber die größeren Folgen liegen oft dahinter. Projekte verzögern sich, Teams müssen umplanen, Versicherungen werden eingebunden, Lieferketten geraten durcheinander. Hinzu kommt ein Aspekt, der manchmal unterschätzt wird: die Reputation. Wenn ein Projekt wegen Sicherheitsvorfällen ins Stocken gerät, fällt das auch auf die verantwortlichen Unternehmen zurück.
Was macht eine Baustelle aus deiner Sicht wirklich sicherer?
Entscheidend ist das Zusammenspiel. Sichtbare Abschreckung bleibt wichtig, etwa Kameratürme, Beleuchtung, Beschilderung und klare Abgrenzungen. Aber das allein reicht nicht. Es braucht Überwachung außerhalb der Arbeitszeiten, schnelle Reaktionsprozesse, klare Zuständigkeiten und regelmäßige Risikoanalysen. Eine Baustelle ist kein statischer Ort. Deshalb darf auch das Sicherheitskonzept nicht statisch sein.
Welche Rolle spielen die Mitarbeitenden auf der Baustelle?
Eine sehr große. Technik kann viel leisten, aber sie ersetzt kein Sicherheitsbewusstsein. Wenn Mitarbeitende, Subunternehmer und Lieferanten wissen, worauf sie achten müssen, lassen sich viele Risiken reduzieren. Werden Maschinen abgeschlossen? Sind Schlüssel entfernt? Werden wertvolle Materialien nach Feierabend gesichert? Sind Zugänge wirklich verschlossen? Solche Punkte klingen einfach, machen in der Praxis aber einen großen Unterschied.
BauWatch ist seit 2016 in Deutschland aktiv. Was hat sich in diesen zehn Jahren verändert?
Sehr viel. Als wir gestartet sind, ging es häufig um einzelne Kamerasysteme und klassische mobile Videoüberwachung. Heute sprechen wir über integrierte Sicherheitskonzepte: Technologie, Leitstelle, Service, Intervention, Datenanalyse und Beratung greifen ineinander. Gleichzeitig sind die Anforderungen der Kunden komplexer geworden. Bauunternehmen erwarten flexible Lösungen, die sich an unterschiedliche Projektphasen und Risikolagen anpassen.
Was ist aus deiner Sicht der wichtigste Schritt für Bauunternehmen in den kommenden Monaten?
Sie sollten ihre Baustellensicherheit ehrlich überprüfen. Nicht erst nach einem Vorfall, sondern jetzt. Welche Bereiche sind besonders gefährdet? Welche Materialien liegen offen? Wo gibt es unkontrollierte Zugänge? Was passiert nachts, am Wochenende oder bei wichtigen Materiallieferungen? Wer diese Fragen systematisch beantwortet, erkennt schnell, wo Handlungsbedarf besteht.
Und welche Botschaft möchtest du Bauunternehmen mitgeben?
Baustellensicherheit ist kein Zusatzthema mehr. Sie ist ein Bestandteil erfolgreicher Projektsteuerung. Wer frühzeitig in Prävention investiert, schützt Materialien, Maschinen, Mitarbeitende und Budgets. Vor allem aber schützt er die Verlässlichkeit seiner Projekte. Und genau darum geht es: Bauprojekte sollen nicht durch Kriminalität ausgebremst werden, sondern sicher und planbar umgesetzt werden können.
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